“Datenjournalismus ist investigativ, aber mit geringerem Aufwand”

Am 28. und 29. November bietet die Leipzig School of Media (LSoM) erstmals ein Datenjournalismus-Seminar an. Dozent Michael Hörz spricht im Interview vorab über die Entwicklung der neuen journalistischen Disziplin, geeignete Themen und den Mut deutscher Medienunternehmen.

Frage: Herr Hörz, in der Debatte um die Zukunft des Journalismus zeichnen sich immer wieder neue Trends ab. Vor kurzem hat die Branche noch intensiv über sublokale Angebote gesprochen, momentan ist Datenjournalismus in aller Munde. Was macht Sie eigentlich so sicher, dass der Datenjournalismus keine kurzfristige Mode ist?

Michael Hörz: Ein geflügeltes Wort hierzu lautet: "Daten sind das neue Öl". Weltweit stehen immer mehr Daten zur Verfügung und können als Informationsquelle genutzt werden. Deshalb bin ich überzeugt, dass es sich nicht um eine kurzlebige Sache handelt. Wir werden schon sehr bald mehr Fachleute brauchen, die Datensätze analysieren, bewerten und verarbeiten können. Die technischen Möglichkeiten dafür verbessern sich von Tag zu Tag.

Mathematik ist häufig nicht die Stärke von Medienschaffenden. Muss man ein halber Informatiker sein, um datenjournalistische Projekte umsetzen zu können?

Grundsätzlich nicht. Es gibt recht simple Werkzeuge, die man für die technische Umsetzung nutzen kann. Ich muss beim Blick auf die Daten vielmehr Zusammenhänge erkennen können und wissen, was von Interesse sein könnte. Das sind Kernkompetenzen von Journalisten und anderen Medienschaffenden. Es geht ja in den allermeisten Fällen auch nicht um höhere statistische Zusammenhänge. Meist werden Mittelwerte oder Häufigkeiten verglichen. Es wäre auch Ressourcenverschwendung, einen Journalisten zum Programmierer machen zu wollen. Journalisten sollen sich weiterhin darauf konzentrieren, Geschichten zu erkennen und Zusammenhänge aufzudecken – in Zukunft eben auch innerhalb oder zwischen Datensätzen.

Heißt das nicht auf der anderen Seite, dass Medienunternehmen sich Programmierer und weitere Grafiker anstellen müssen?

Das kommt darauf an, was für Projekte man umsetzen will. Grafiker gibt es ja schon überall und für die ist es ja selbstverständlich, Informationen visuell aufzubereiten. Bei größeren Herausforderungen kann man auch Externe dazuholen. Wichtig ist aber der Hinweis: Es sind zu Anfang keine großen Investitionen nötig, um datenjournalistische Projekte umzusetzen. In einem größeren Medienunternehmen würde es schon genügen, erstmal einen Mitarbeiter dafür abzustellen. Man muss nur ein wenig in Weiterbildung investieren und etwas ausprobieren wollen.

Probiert die deutsche Medienbranche sich bereits mutig aus?

Leider noch nicht sehr stark. Datenjournalismus wird momentan regelmäßig nur von einigen wenigen Häusern betrieben. Im Wesentlichen von "Zeit" (Data Blog der Redaktion), "Süddeutsche" (Dossier: DataGraph) oder auch von der "Berliner Morgenpost". Die haben aber alle auch nicht gleich zehn Leute eingestellt, sondern klein angefangen und sich dann stetig weiter entwickelt. Viele in der Branche haben die Chancen hingegen noch nicht erkannt und sehen nicht, wie einfach Datenjournalismus sein kann.

Welche Themen eigenen sich für datenjournalistische Projekte?

Im Prinzip sind der Phantasie kaum Grenzen gesetzt. Alles, was sich in Statistiken fassen lässt, taugt als Ausgangsmaterial. Völlig unterrepräsentiert - gerade auch im Vergleich mit dem angelsächsischen Markt - sind etwa lokale Themen. Ein Beispiel hierzu: Aus einem Datensatz über Hundebissattacken in einer Stadt, den die Redaktionen von öffentlicher Stelle zugesandt bekommen, werden heutzutage nur drei einzelne Infos in einer Meldung verarbeitet. Dabei wäre es so einfach, dem Leser mit dem gesamten Material einen Mehrwert zu schaffen, indem man etwa eine Karte online stellt, wo Hundeangriffe stattgefunden haben. Dabei könnte ja auch eine Häufung in einem einzelnen Stadtteil deutlich werden, die ich zuvor gar nicht bemerkt habe. Und schon habe ich wieder eine neue Geschichte, an der man weiter drehen kann.

Das wäre sogar eine exklusive Nachricht ohne Agenturmaterial...

Genau das ist der Ansatz. Bestenfalls legt man Datensätze aus unterschiedlichen Quellen übereinander, entdeckt neue Aspekte und kommt ins Recherchieren. Insofern ist Datenjournalismus investigativ, aber mit geringerem Aufwand.

Interview: Alexander Laboda

Alle Informationen zum Datenjournalismus-Seminar mit Michael Hörz finden Sie hier.