Journalismus und Gesellschaft – Studierende üben zum Start von New Media Journalism Selbstreflexion

Gedanken und Reflexionen zum Auftaktmodul des 9. NMJ-Jahrgangs mit ausgewählten studentischen Werkstattbeiträgen. (Foto: LSoM)

Wer als Journalist erfolgreich sein möchte, muss nicht nur sein Handwerkszeug (von der  Recherche bis zur multi- und crossmedialen Präsentation) beherrschen, sondern auch gesellschaftliche Rahmenbedingungen erkennen und verstehen. Denn Journalismus ist kein Selbstzweck wie etwa gute Literatur. „Irgendwas mit Medien“ war der Slogan der Generation Praktikum. Diejenigen, die sich heute für den Journalismus entscheiden, haben klare Vorstellungen – aber auch Fragen; an Medienhäuser, an die Öffentlichkeit, an sich selbst. Die 12 Studierenden des internationalen Masterstudiengangs New Media Journalism (NMJ) haben sich zum Auftakt an der Leipzig School of Media in einer Übung journalistisch mit dem Thema Journalismus auseinandergesetzt. Gedanken und journalistische Reflexionen zum Auftaktmodul des neuen NMJ-Jahrgangs von Studiengangsleiter Dr. Tobias D. Höhn und ausgewählte studentische Werkstattbeiträge.

Werkstatt-Einblick I: Was zählt? Reflexionen von Cathrin Lilienblum, die den beruflichen Anspruch formuliert und in ihrer eigenen Biographie Metaphern für journalistische Ideale findet.

 

 

Neun von zehn Bundesbürgern sehen qualitativ hochwertigen Journalismus als wichtig für die Demokratie und die Gesellschaft in Deutschland an. Und noch besser: 94 Prozent der im Auftrag des Verbandes Deutscher Zeitschriftenverleger (VDZ) vom Institut für Demoskopie Allensbach 1545 befragten Menschen sind davon überzeugt, dass guter Journalismus einen positiven Einfluss auf die Gesellschaft hat. Aber: Gut zwei Drittel möchten für journalistische Inhalte im Internet nichts bezahlen. Doch was heißt das in einer Zeit, in der die Nutzungsdauer von Print sinkt und von Online steigt? Von den knapp zweieinhalb Stunden täglicher Internetnutzung entfällt schon heute rund eine dreiviertel Stunde auf Medien, heißt es in der ARD/ZDF-Onlinestudie 2017.

Die Kernfrage lautet: Qualitätsjournalismus zum Nulltarif – geht das? Die kompakte Antwort für eilige Leser: nein!

Um etwas weiter auszuholen: Die Grundversorgung (Bildung, Information und Unterhaltung) des öffentlich-rechtlichen Rundfunks ist über den Rundfunkbeitrag abgesichert. Aber das umfasst im Wesentlichen nur die tradierten Verbreitungswege. Doch was ist mit der privatwirtschaftlich finanzierten Presselandschaft? Der Philosoph und Soziologe Jürgen Habermas regte schon vor zehn Jahren ein Sponsoring an: „Es ist kein ‚Systemfehler‘, wenn der Staat versucht, das öffentliche Gut der Qualitätspresse im Einzelfall zu schützen.“ Also Meinungs-Vielfalt durch Regulierung? Mit Blick auf die Geschichte Deutschlands, die Instrumentalisierung und Gleichschaltung der Massenmedien in der NS-Diktatur ein Tabu. Und auch in der Gegenwart kein Allheilmittel wie unterschiedliche staatliche Förderstrategien anderer Länder zeigen.

Werkstatt-Einblick II: Audiobeitrag von Judith Hochstrasser, in dem sie Analogien zwischen gesellschaftlichen und inneren Stimmen herstellt, um Erklärungsansätze für Konstrukte wie „subjektive Wahrheit“ und „Lügenpresse“ zu entwickeln.

Es hilft auch nicht die Vergangenheit zu verklären, als Journalismus noch tiefgründiger, faktischer und seriöser gewesen sein soll. Fake-News und Filterblasen gab es immer, wenn auch nicht digital und in diesem Ausmaß. Dass der Journalismus sein Gatekeeper-Monopol verloren hat, ist ökonomisch eine Herausforderung, aber inhaltlich auch eine Chance für neue Themen und andere Sichtweisen. Es erfordert neues Handwerkszeug von der Recherche bis zur Präsentation. Auch das ist nicht neu: Journalismus hat sich seit dem Erscheinen der ersten Tageszeitung der Welt (1650 in Leipzig) kontinuierlich geändert – und bisweilen immer wieder neu erfinden müssen.

 

Werkstatt-Einblick III: Text von Anna Maier, die das Selbstbild der Journalisten dem der Öffentlichkeit gegenüberstellt. Dabei verortet sie die Berufsvertreter im Spannungsfeld zwischen „Held“ und „Hassfigur“.

Und der Rezipient? Er will weder ein „missachteter Leser“ (Peter Glotz, Wolfgang R. Langenbucher, 1969) noch ein Informationsempfänger sein. Er will mitreden und sich einbringen, heißt es. Ja, partizipativer oder kollaborativer Journalismus ist toll, versteht man darunter mehr als etwa den Bild-Lesereporter, der für wenig Geld exklusive oder lustige Schnappschüsse liefert. Doch auch dieses Kuratieren erfordert professionelle Führung, also gut ausgebildete Journalisten, die Inhalte auf Relevanz und Wahrheit prüfen, sie einordnen und aufbereiten. Geschieht das nicht, ist es Kolportage. Dass aus dem Zusammenspiel zwischen Journalisten und der Schwarmintelligenz durchaus Gewaltiges entstehen kann, hat der Fall Guttenberg bewiesen.

Werkstatt-Einblick IV: Bilderstory von Stefan Jermann, der in sein Innerstes spürt und das beobachtete Äußere entgegensetzt, um Perspektiven für sich als Mensch und Journalist auszuleuchten.

 

Sich den Leser, Zuschauer oder Zuhörer als hochaktive Masse vorzustellen, ist ein Irrglaube. Viele Medien wissen zu wenig über ihre Leser! Das Alter und den Wohnort vielleicht, und mitunter sogar noch ein paar soziodemographische Daten. Doch was ist mit Interessen und Hobbys? In welchen Vereinen sind sie? Wo halten Sie sich tagsüber auf? Das sind nur erste Fragen, die aber darüber entscheiden können, ob sich die Nutzer von ihrem Medium angesprochen fühlen, ob sie durch die Lektüre einen Mehrwert erfahren – und vielleicht sogar personalisierte Push-Nachrichten erhalten. Wenn sich die Lebenswelt der Mediennutzer wandelt, müssen sich auch die Medien als immanenter Teil dessen wandeln. Haben Medien im 19. Jahrhundert darüber berichtet, was passiert ist, geht es heute auch darum: Was bedeuten diese Ereignisse für den einzelnen? Was kommt auf den einzelnen zu?

Werkstatt-Einblick V: Audiobeitrag von Nadja Bischoff, die als Radiomoderatorin „live“ über ihre Rolle als Journalistin nachdenkt, in dem sie sich in die Gedankenwelt ihrer Zuhörer hineinversetzt

Dafür braucht es gut ausgebildete Journalisten, die Geschehnisse einordnen, die hartnäckige nachfragen, Kritik und Kontrolle der Mächtigen üben und Meinungsbildung ermöglichen, in dem sie frei von ökonomischen und ideologischen Abhängigkeiten berichten können. Also einen Journalismus, der sein Geld wert ist.

Doch wie viel ist uns dieser Journalismus wert?

Hier lohnt der Blick in die Schweiz, wo derzeit die „No Billag“-Initiative für Aufsehen sorgt. Billag ist eine Tochtergesellschaft der Swisscom und für die Erhebung der Rundfunkgebühren zuständig. Mit einer Volksabstimmung wollen die Gegner die De-facto-Steuer abschaffen, immerhin rund 386 Euro pro Haushalt pro Jahr (zum Vergleich: In Deutschland zahlen Privathaushalte 210 Euro im Jahr) und künftige staatliche Förderungen von Medien verboten wissen. Setzen sich die Initiatoren durch, wäre dies eine Zäsur mit gravierenden Folgen für den Journalismus, aber vor allem für die Gesellschaft. Das Ende des öffentlich-rechtlichen Rundfunks, Einnahmeverluste für viele private Radio- und TV-Stationen mit Gebührenanteil, ein Kahlschlag in der Aus- und Weiterbildung (folgenreich auch für die NMJ-Partnerinstitution MAZ) – das Totenglöckchen einer beispielhaften Journalismuskultur.

Am Horizont zieht ein düsteres Bild auf: Einfalt statt Vielfalt. Profitieren könnte ausgerechnet das zusammengekaufte Medienimperium des SVP-Politikers Christian Blocher. Und jetzt sage noch einer, Journalismus sei keine vierte Gewalt…

Autor: Dr. Tobias D. Höhn

Dr. Tobias D. Höhn ist seit 2013 Studiengangsverantwortlicher für New Media Journalism sowie Dozent verschiedener Seminare aus dem Bereich Journalismus und Public Relations. Er hat langjährige Erfahrungen in beiden Berufsfeldern. Der Medienwissenschaftler leitet das Teilprojekt „Medien und Ernährung“ in dem vom Bundesministerium für Bildung und Forschung unterstützten Kompetenzcluster für Ernährung und kardiovaskuläre Gesundheit (nutriCARD) an der Universität Leipzig.