Konstruktiver Journalismus: Mit Lösungen und Inspirationen raus aus der Vertrauenskrise

Alexandra Eder, Absolventin der Leipzig School of Media, untersucht in ihrer Masterarbeit Konstruktiven Journalismus am Beispiel des Online-Mediums Perspective Daily. (Foto: A. Eder / Symbolbild: Sergey Nivens - Fotolia)

Alexandra Eder, Absolventin des Studiengangs New Media Journalism, befasst sich in ihrer Masterarbeit mit dem Konstruktiven Journalismus am Beispiel des Online-Mediums Perspective Daily.

Auf der Welt wird alles immer schlimmer. So empfinden es zurzeit viele Menschen. Verantwortlich dafür sind auch die schwarzmalenden Berichte der Massenmedien, sagen einige Forscher und Medienmacher. Sie fordern einen Konstruktiven Journalismus, der Problemlösungen aufzeigt, positive Emotionen weckt, Engagement fördert und das Gemeinschaftsgefühl stärkt.

Alexandra Eder, Absolventin des Masterstudiengangs New Media Journalism, hat in ihrer Abschlussarbeit als eine der ersten den Einsatz dieses journalistischen Konzepts in der Praxis untersucht. Ihre Ergebnisse entkräften unter anderem den Vorwurf, Konstruktiver Journalismus führe zu einer Vernachlässigung der Kontroll- und Kritikfunktion.

Forschungsgegenstand von Alexandra Eders Masterarbeit mit dem Titel „Konstruktivität im Journalismus: Ursprung, Bedeutung und Einsatz von Costructive News“ ist das Online-Magazin Perpective Daily, das im Mai 2016 gestartet wurde. Zu ihrem Ansatz schreiben die Macher selbst auf der Website: „Wir schreiben Artikel mit Blick nach vorn. Uns reicht es nicht, nur über Probleme zu berichten, sondern wir fragen täglich: Wie können wir helfen, es besser zu machen?“.

Insgesamt 34 Artikel von Perspective Daily unterzog Eder einer Inhaltsanalyse. Der sechswöchige Untersuchungszeitraum lag im Sommer 2016. Ergänzend führte Eder Experteninterviews mit zwei Betreibern des Angebots.

Kein Heile-Welt-Journalismus

Ein spannendes Ergebnis der Analyse: Der von Perspective Daily verfolgte Konstruktive Journalismus führt nicht zu einer undifferenzierten, weichgespülten Heile-Welt-Berichterstattung – „entgegen der Befürchtung von Kritikern, Journalisten könnten sich zu 'Weltverbesserern' entwickeln“, wie Alexandra Eder schreibt. Die Mehrheit der untersuchten Artikel (59 Prozent) konnte als „ambivalent“ eingestuft werden. Das heißt, sie thematisieren ein Problem oder eine negative Entwicklung, kritisieren auch Elite-Personen oder Institutionen und zeigen zusätzlich eine Lösung auf.

Langsam, aber mit umfangreichen Rechercheergebnissen

Darüber hinaus liefert die Untersuchung ebenfalls Hinweise darauf, welche Elemente und Gestaltungsprinzipien Konstruktiven Journalismus auszeichnen. Die Berichterstattung von Perspective Daily ist demnach durch eine gewisse Langsamkeit gekennzeichnet. Es erschien im Untersuchungszeitraum lediglich ein Artikel täglich. Die Themensetzung orientiert sich nicht an der tagesaktuellen Agenda und auch weniger an klassischen journalistischen Nachrichtenfaktoren. Dafür sind die Artikel länger, durchschnittlich über 13.000 Zeichen lang, und häufig um Infografiken ergänzt. Zu loben ist eine umfassende Recherche, stets wird ein Thema aus mehreren Blickwinkeln betrachtet. Zudem legen die Autoren ihre Quellen offen.

Aufwand tagesaktuell kaum zu leisten

Konstruktiver Journalismus wird auch als ein Mittel diskutiert, um der herrschenden Vertrauenskrise zwischen Journalisten und Rezipienten entgegenzuwirken. Alexandra Eder hält es jedoch für sehr schwierig, die oben genannten Kriterien und Prinzipien auf den tagesaktuellen Journalismus von Online-Medien und Zeitungen zu übertragen: „Ab und zu mag es gelingen, gleichzeitig konstruktiv und tagesaktuell zu berichten, allerdings erfordert das Konzept des Constructive Journalism eine ausgiebige Recherche und zudem umfangreichen Platz beziehungsweise Sendezeit, um dem Publikum Kontexte aufzuzeigen und Probleme zu erklären – und im Anschluss daran auch noch Ideen oder neue Projekte zu Lösungen vorzustellen.“

Weitere Forschung notwendig

Alexandra Eder leistet Grundlagenforschung. Im Rahmen einer Masterarbeit stößt sie dabei an natürliche Grenzen in Hinblick auf den Umfang der Untersuchung und deren Aussagekraft. Einschränkend muss auf die niedrige Grundgesamtheit hingewiesen werden. Lediglich 34 analysierte Artikel von nur einem Medium lassen keine unumstößlichen Erkenntnisse zum Konstruktiven Journalismus zu.

Wie die Autorin selbst vorschlägt, müssen größer angelegte, langfristige Untersuchungen von verschiedenen Medien folgen, die auf Konstruktiven Journalismus setzen. Ebenso bieten sich Befragungen von Rezipienten an, um die Nutzung und Wirkung eines solchen Journalismus zu erforschen. Unklar ist zum Beispiel, inwieweit eine Berichterstattung in dieser Form – sehr lang, sehr hintergründig – überhaupt auf eine ausreichende Nachfrage trifft. Ob sich Perpective Daily, das auf ein Bezahlmodell setzt, am Markt halten kann, werden erst die kommenden Monate zeigen.

Abgrenzung zu anderen Konzepten noch nicht gelungen

Daneben wird die Debatte um Sinn und Unsinn von Konstruktivem Journalismus mit Sicherheit weitergehen. Kritiker bemängeln grundsätzlich, dass es sich bei dem Konzept um alten Wein in neuen Schläuchen handele. Diesen Punkt kann auch Alexandra Eder in ihrer Arbeit kaum entkräften. Obwohl sie sich dezidiert mit ähnlichen, teils wesentlich älteren journalistischen Modellen beschäftigt, zum Beispiel Lösungsorientiertem Journalismus, Slow Journalism oder Positivem Journalismus, gelingt eine klare Abgrenzung nicht.

Hoffnungsvoller Ansatz in Zeiten der Vertrauenskrise

Derzeit wird viel über „Lügenpresse“ und „Mainstream-Medien“ diskutiert. Bei vielen Themen, siehe Zuwanderung oder Rechtspopulismus, macht sich eine allgemeine Verdrossenheit breit. In diesen Zeiten liefern die Ideen des Konstruktiven Journalismus und die anderen Konzepte wertvolle Anregungen für die Zukunft des Journalismus. Oder tautologisch gesprochen: Konstruktiver Journalismus ist konstruktiver Journalismus.

Die Masterarbeit steht hier zum Download im PDF-Format bereit.