Leipziger Thesen für eine moderne Journalistenausbildung

Für eine zeitgemäße Journalistenausbildung: Das berufsbegleitende Masterprogramm New Media Journalism wird kontinuierlich weiterentwickelt. (Foto: Enrico Meyer)

Kürzlich hat die Leipzig School of Media (LSoM) neue Impulse für die Journalistenausbildung gefordert. Um einen eigenen Beitrag zur Debatte zu leisten, präsentiert die LSoM hier sieben Thesen für eine moderne Journalistenausbildung.

Die Thesen basieren auf Erfahrungen und Einschätzungen, die Fachleute aus Medienhäusern und aus der Journalistenausbildung bei einem Expertengespräch an der LSoM dargelegt haben. In diesem Gespräch – als einem Bestandteil des kontinuierlichen Optimierungsprozesses – ging es um die Ausbildungsinhalte im berufsbegleitenden Masterstudiengang New Media Journalism (NMJ), den die LSoM gemeinsam mit Studiengangspartnern in Deutschland, Österreich und der Schweiz durchführt.

Teilnehmer der Runde waren Markus Beiler (NMJ-Studiengangsverantwortlicher für den Studiengang auf Seiten der Universität Leipzig), Constantin Blaß (Chefredakteur EXPRESS, Köln), Nikolaus von der Decken (Leiter der Journalistenschule der Hubert Burda Media), Marcus Engert (Political Editor BuzzFeed News) und Markus Hesselmann (Projektleiter des hyperlokalen Projekts ‚Leute‘ beim Tagesspiegel).

Eingeflossen in diese Thesen sind außerdem Erkenntnisse und Erfahrungen, die die LSoM in den vergangenen Jahren bei einer Vielzahl von Weiterbildungsseminaren für Journalisten gewonnen hat. Dazu kommen Einschätzungen, Hinweise und Empfehlungen aus dem Experten- und Dozenten-Netzwerk, bestehend aus Praktikern, Wissenschaftlern und Verbandsvertretern, sowie – nicht zuletzt – aus dem Kreis unserer Absolventen.

Hier also die Thesen:

1. Journalisten müssen auf die Nutzer hören – und mit ihnen reden

Viele Journalisten sehen sich immer noch vor allem als Absender von Botschaften. Doch dieser Einbahnstraßenjournalismus verliert dramatisch an Akzeptanz. Viele Nutzer bezweifeln Relevanz und Glaubwürdigkeit der Medieninhalte, und sie wollen kommunizieren statt konsumieren.

Journalisten müssen also bereit sein, mit den Mediennutzern in einen Dialog zu treten, Nutzerbedürfnisse wahrzunehmen und ihre eigenen Motive und Methoden transparent zu machen. Für Redaktionen – und auch für einzelne Journalisten – wird es immer wichtiger, sich eine Community aufzubauen und diese zu pflegen.

2. Klassische journalistische Fertigkeiten weiterhin wichtig

Keine Frage, neben all den neuen Kompetenzen, die in den nachfolgenden Thesen aufgegriffen werden, spielen nach wie vor die klassischen journalistischen Fertigkeiten und Tugenden eine zentrale Rolle.

Journalisten sollten fähig sein, Informationen effektiv zu beschaffen. Sie müssen gerade auch im Internet methodisch und strategisch recherchieren können. Doch selbst erfahren Redakteure nutzen die Vielzahl der Möglichkeiten, die schon eine einfache Google-Suche bietet, nur in den seltensten Fällen. Zu viele Texte basieren auf nur einer Quelle. Informationen werden zu oft ungeprüft veröffentlicht. Wer die Recherche-Qualität verbessern will, muss also die Fertigkeiten auf dem Gebiet der investigativen Recherche und der Daten-Recherche verbessern.

Zweite Kernkompetenz wird auch in Zukunft die Aufbereitung von Informationen sein. Dazu müssen Journalisten alle Darstellungsformen beherrschen. Im digitalen Zeitalter ist es überdies nötig, dass Redaktionen die Inhalte multimedial produzieren und diese crossmedial publizieren.

Schließlich: Kenntnisse über Medien- und Urheberrecht und eine Auseinandersetzung mit den ethischen Aspekten des Berufs zählen weiterhin zu den elementaren Bestandteilen der Journalistenausbildung.

3. Redaktionen brauchen professionelles Social Media Management

Soziale Netzwerke sind heute integraler Bestandteil der Lebenswirklichkeit der meisten Menschen – und ihre Bedeutung wird weiter zunehmen. Noch immer nutzen zu wenige Journalisten die Möglichkeiten von Facebook, Twitter und Co. Social Networks werden lediglich als Linkschleudern missbraucht. Das funktioniert nicht. Journalisten müssen lernen, soziale Netzwerke im gesamten Produktions- und Distributionsprozess zu nutzen: als Rechercheinstrument, für die Verbreitung von Inhalten und als Kommunikationskanal mit dem Nutzer. Um diese Prozesse zu organisieren, brauchen Redaktionen professionelle Social Media Manager.

Journalisten sollten soziale Netzwerke in diesem Zusammenhang auch zur Selbstvermarktung nutzen. Nutzer wollen nicht mit Verlagen oder Medienmarken sprechen, sondern mit Menschen. Der einzelne Journalist sollte sichtbar sein. Journalisten, die kein Facebook-Profil haben – und nutzen –, haben den Beruf verfehlt.

4. Journalisten müssen Angst vor Technologie und Daten ablegen

Wichtige Grundlage der digitalen Medien sind die entsprechenden Internettechnologien. Deshalb müssen nicht gleich alle Journalisten selbst programmieren lernen. Doch sie müssen in Zukunft intensiver mit Programmierern und Webdesignern zusammenarbeiten. Darum müssen sie sich stärker mit deren Anforderungen und Bedürfnissen auseinandersetzen.

Außerdem müssen Journalisten das Potenzial neuer Technologien einschätzen und nutzen können. Sind Newsbots und Messenger die Schnittstellen der Zukunft? Was ist die Blockchain-Technologie, und was bedeutet sie für die Medienbranche?

Ein wichtiges Thema in diesem Zusammenhang ist der Datenjournalismus. Neben einem Textverarbeitungsprogramm sollten Journalisten daher den Umgang mit einem Tabellenkalkulationsprogramm beherrschen, mit dessen Hilfe sie Datensätze auf einfache Weise organisieren, säubern, analysieren sowie ggf. visualisieren können.

5. Für alle Journalisten immer wichtiger: Bewegtbild und Mobile Reporting

Zukünftige Journalisten posten nicht nur Textbeiträge und Fotos in sozialen Netzwerken, sondern sie gehen dort auch live auf Sendung. Und sie nutzen die Möglichkeiten des Mobile Reporting; dabei setzen sie das Smartphone als Reporterwerkzeug ein. Benötigt werden also grundlegende Kompetenzen in der Audio- und Videoproduktion.

6. Zukünftige Kernkompetenzen: Projekte managen, Produkte entwickeln

Klassische Medienunternehmen stehen unter starkem ökonomischen Druck. Das Geschäftsmodell von Printmedien, Radio und Fernsehen erodiert – es müssen Bezahlmodelle für digitale Angebote konzipiert, neue Wertschöpfungsmöglichkeiten entwickelt und neue Projekte auf den Markt gebracht werden.

Der journalistische Nachwuchs braucht zukünftig mehr Wissen über digitale Geschäftsmodelle, Kompetenzen im Projektmanagement sowie die Fähigkeit zur agilen Entwicklung digitaler Produkte. Solche Kompetenzen und Fähigkeiten stärken die Innovationskraft der Medienbranche. Und sie helfen jungen Journalisten, die sich als Freelancer oder mit eigenen Medienprojekten dem Medienmarkt stellen wollen.

7. Journalisten müssen Marketing lernen

Niemand möchte die Trennung zwischen Redaktion und Werbung aufheben. Doch angesichts der eben skizzierten Entwicklungen ist es nötig, dass Journalisten die Mechanismen der Vermarktung von Inhalten und Produkten besser verstehen. Nur so können sie ihre eigenen Inhalte an den Mann und die Frau bringen. Nur so können sie Angebote und Formate entwickeln, die auch für werbetreibende Unternehmen interessant sind.

Wie funktioniert Content Marketing? Wie kommt mein journalistisches Angebot in der Suchmaschine weiter nach vorne? Wie funktioniert Marketing in Sozialen Medien? Solche Fragen müssen Journalisten heute beantworten können.

Mit Blick auf die vorgestellten Thesen stellt sich die abschließende Frage: Passen all diese Anforderungen beziehungsweise Lehrinhalte in einen Studiengang? Das ist eine große Herausforderung, der sich alle an der Durchführung des Masterprogramms New Media Journalismus Beteiligten gern stellen. Und dennoch: Einen Teil dieser Kompetenzen werden (angehende) Journalisten wohl direkt im Job lernen müssen.