Wie verändert sich das Redaktionsmanagement in Zeiten des Medienwandels?

Silvana Giger untersuchte in ihrer Masterarbeit die veränderte Arbeitsorganisation und die sich wandelnde Führungskultur in den Zeitungsredaktionen von Süddeutscher Zeitung, Standard und Neuer Zürcher Zeitung (Fotos: Giger, fotolia)

Der digitale Medienwandel verändert zunehmend die Arbeitsorganisation und die Führungskultur in deutschsprachigen Zeitungsredaktionen. „Es sind ganze Strukturen, die neu geschaffen wurden, neue Berufsbilder, die entstanden sind, und neue Aufgaben, welche die Journalisten zu erledigen haben“, schreibt Silvana Giger, Absolventin des Studiengangs New Media Journalism, in ihrer Masterarbeit mit dem Titel „Organisation und Führung von multimedialen Redaktionen“.

Für ihre Analyse sprach Silvana Giger mit den Chefredakteuren der „Süddeutschen Zeitung“ (SZ), des österreichischen „Standard“ sowie der „Neuen Zürcher Zeitung“ (NZZ). Zudem führte sie ein Experteninterview mit Professor Joachim Blum von der Universität Trier, der sich seit Jahren mit der Organisation von Redaktionen in Zeiten des Medienwandels befasst und Medienunternehmen berät. Die zentralen Ergebnisse der Gespräche:

Redaktionsmanagement: Online und Print wachsen zusammen
Redaktionen integrieren ihre Onlineabteilungen in die Printredaktion. Wo dies noch nicht umgesetzt ist, wird ein solcher Schritt geplant. Die Verschmelzung versetzt die Redaktionen in die Lage, Inhalte medienneutral zu produzieren und die unterschiedlichen Nachrichtenkanäle so zu bespielen, dass eine maximale Reichweite erzielt wird.

Das Zusammenwachsen von Print und Online geschieht allerdings nicht überall gleich schnell und intensiv. Die NZZ führt ihre Print- und Onlineredaktion bereits seit 2012 zusammen. Dort sind alle Mitarbeiter sowohl für Print als auch für Online zuständig. Die SZ organisiert ihre Redaktion dagegen erst seit 2013 neu und setzt dabei seit 2015 auf drei Varianten der Zusammenarbeit zwischen Print und Online. Je nach den Bedürfnissen der einzelnen Ressorts sind die Print- und Onlineredaktionen dort komplett, teilweise oder gar nicht zusammengeführt.

Nichts geht ohne Newsdesk
Multimediale Redaktionen arbeiten am Newsdesk, der Bestandteil eines Newsrooms ist. „Bei allen drei Redaktionen sind Newsdesk und Newsroom Bestandteil der Neuausrichtung, da sie den Austausch unter den Redaktionsmitarbeitern fördern. Das Konzept von Newsroom und Newsdesk scheint sich somit zu bewähren“, schreibt Silvana Giger. Anders als oftmals befürchtet, führt diese Umstrukturierung bei den untersuchten Qualitätsmedien nicht zu einem Abbau von Personal. Die Synergien werden genutzt, um den zusätzlichen Aufgaben – vor allem dem Zwang zur permanenten Berichterstattung – gerecht zu werden. SZ und NZZ haben nach Angaben der Chefredakteure Wolfgang Krach und Eric Gujer sogar neue Stellen geschaffen.

Online kommt in der Führungsetage an
Das digitale Geschäft wird in den untersuchten Zeitungshäusern immer stärker zur Chefsache. So ist der Leiter der digitalen Projekte der SZ, Stefan Plöchinger, Teil der vierköpfigen Chefredaktion. NZZ-Chefredaktor Eric Gujer wird von einer Chefredaktorin „Neue Produkte“ unterstützt. Beim „Standard“ ist Chefredaktorin Alexandra Föderl-Schmid, die einen Print-Hintergrund hat, zwar sowohl für Print als auch für Online zuständig. Ihr Stellvertreter kommt allerdings aus dem Online-Lager.

Ob Print und Online innerhalb der Führungsriege gleichberechtigt behandelt werden, ist trotz dieser Entwicklung jedoch fraglich: „Auch wenn der Onlinebereich in der Führungsetage vertreten ist, muss er nicht zwingend mit Print auf Augenhöhe sein. Vielmehr zeigt sich, dass klassische Printjournalisten nach wie vor an der Spitze der untersuchten Zeitungen stehen“, schreibt Giger.  Die Veränderungsprozesse verliefen längerfristig und müssten weiter beobachtet werden. Nichtsdestotrotz schlage sich der „Bedeutungszuwachs des Onlinebereiches in der Führungsstruktur nieder“.

Redaktionen werden demokratischer
Die Zeiten, in denen Chefredakteure Entscheidungen einsam und autoritär fällen, sind offenbar vorbei. In allen drei untersuchten Medienhäusern pflegen die Chefredakteure nach eigenen Angaben einen demokratischen Führungsstil. Das heißt, dass Mitarbeiter in Entscheidungsprozesse einbezogen werden. Diskussionen werden vom Vorgesetzten gefördert und begleitet. Dieser Führungsstil trägt in multimedial organisierten Redaktionen auch dazu bei, das gegenseitige Verständnis zwischen Onlinern und ehemals klassischen Printjournalisten zu vergrößern.

Weil Mitarbeiter durch den rasanten Medienwandel teils auch verunsichert sind, bemühen sich die Chefredakteure zugleich sehr stark, Ziele vorzugeben und den Weg zur Erreichung dieser Ziele zu weisen. Die befragten Chefredakteure behalten sich in diesem Zusammenhang auch vor, Entscheidungen auch autoritär zu treffen.

Für den befragten Experten Joachim Blum ist dieser zwischen demokratisch und autoritär changierende Führungsstil ideal für Redaktionen, die unter dem Veränderungsdruck des digitalen Wandels stehen. Ein Chefredakteur dürfe den demokratischen Stil nicht im Sinne von „Ich folge jedem Trend und lege mich ungern fest und im Zweifel lege ich mich auch mit niemandem an“ ausleben. Dies sei für eine Redaktion stark verunsichernd. Ein Chefredakteur müsse einer Redaktion vermitteln können, weshalb welche Richtung eingeschlagen werde und die erforderlichen Schritte dann im Zweifel auch autoritär anordnen.

Der Chefredakteur ist Manager
Das Managen dieser Veränderungs- und Umstrukturierungsprozesse ist zur zentralen Aufgabe der Chefredakteure geworden. Silvana Giger schreibt: „Sie müssen nicht mehr zwingend herausragende Journalisten sein, sondern ihre Aufgabe besteht vor allem darin, ein Team mit den verschiedenen Aufgabenbereichen zu führen. Sie müssen den Mitarbeitern Ziele aufzeigen, die Medienmarke nach außen vertreten, möglichst viele Rezipienten über verschiedene Kanäle erreichen und dennoch für eine gute Qualität und Wirtschaftlichkeit sorgen und mit ihrem Team strategische Ziele erreichen.“ Alle drei befragten Chefredakteure nehmen diese Rolle als Manager an.

Weitere Untersuchungen notwendig
Die Resultate von Silvana Giger sind selbstverständlich nicht repräsentativ für die gesamte deutschsprachige Medienbranche. Die Stichprobe ist mit nur drei untersuchten Medienunternehmen zu klein. Zudem handelt es sich um große Qualitätsmedien mit entsprechenden Ressourcen. Daher ist fraglich, ob die genannten Hypothesen beispielsweise auf kleinere Zeitungshäuser übertragbar sind. Dies müssen weitere Untersuchungen zeigen. Dennoch liefert die Arbeit eine spannende Momentaufnahme und seltene Einblicke in das Innenleben mehrerer großer Medienmarken.

Die Masterarbeit ist ab sofort auf der Website der Leipzig School of Media im Bereich des Studiengangs New Media Journalism abruf- und herunterladbar.