Antwort an Ex-„Bild“-Chefin: Ein gutes Journalistik-Studium bietet viel mehr als nur ein Volontariat

Kommunikationswissenschaftler Dr. Tobias D. Höhn schreibt eine Replik auf ein Interview der ehemaligen "Bild"-Chefredakteurin Tanit Koch.

Ein Volontariat ist ein etablierter Weg in den Beruf, ein gutes Journalistik-Studium kann dies ebenso leisten – und mehr“, sagt der Kommunikationswissenschaftler Dr. Tobias D. Höhn. Er reagiert damit auf ein Interview der ehemaligen „Bild“-Chefredakteurin Tanit Koch, in dem diese vor Kurzem angehenden Journalisten vom klassischen Journalistik-Studium an einer Hochschule abriet. In seiner Replik plädiert Höhn für eine praxisnahe und zugleich wissenschaftlich fundierte Ausbildung von Journalisten.

Tobias Höhn war Pressesprecher der Universität Leipzig, schrieb u.a. für „Die Zeit“ und ist als Studiengangsverantwortlicher des Masterprogramms New Media Journalism und als Dozent seit vielen Jahren an der Leipzig School of Media tätig.

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Journalismus an der Hochschule heißt Praxis üben und Verstehen lernen

von Dr. Tobias D. Höhn

Die Wege in den Journalismus sind so unterschiedlich wie der Beruf selbst, für den es nach wie vor keine Zugangsbeschränkungen gibt. Ebensowenig den Königsweg. Fragt man Praktiker nach dem besten Weg, beschreiben sie häufig den von ihnen eingeschlagenen. Logisch, sie kennen ja auch die Alternativen nicht aus eigener Erfahrung. So lässt sich vielleicht auch das Statement von Tanit Koch, von 2016 bis 2018 Chefredakteurin der Boulevardzeitung „Bild“, erklären. In einem Video-Interview mit dem „Handelsblatt“-Ableger „Orange“ sagte sie auf die Frage nach dem besten Zugang in den Journalismus: „Was ich immer nur raten kann, ist nicht Journalismus zu studieren, vor allem diese kostenpflichtigen Studiengänge. Sie selbst durchlief als Volontärin die Axel-Springer-Akademie sowie die Ressorts Wirtschaft und Politik der „Bild.

Doch ist die Antwort wirklich so einfach? Nein! Zu betrachten sind zunächst die persönlichen Interessen, das Know-How und die Begabungen des Interessenten (ob Berufsein- oder -umsteiger). Möchte er nach klassischer Manier Recherchieren und Schreiben, Informieren, Darlegen, Einordnen und Bewerten? Sind ihm Darstellungsformen, Präsentationslogiken und Tools zur Recherche und multimedialen Umsetzung in der Praxis vertraut? Interessiert ihn nicht nur das Aufspüren, Wahrnehmen und Selektieren von Themen, die Aufbereitung und Präsentation, sondern möchte er die Wirkungsmechanismen der Medien auf Mikro-, Meso- und Makroebene begreifen und sich Möglichkeiten in dieser von rasanter Veränderung geprägten Branche offenhalten?

Dann sei ein Blick auf das breitgefächerte Angebot der Kommunikations- und Medienwissenschaft, Publizistik und Journalistik anheimgestellt. Es lohnt der Blick in die Curricula einzelner Hochschulen (ob Bachelor oder Master, grundständiges Studium oder berufsbegleitender Weiterbildungsstudiengang), um den Anteil von Theorie und Praxis zu identifizieren, Schwerpunkte und Spezifikationen zu erkennen. Denn „den Journalismus“ gibt es schon lange nicht mehr.

Erstens: Die Anforderungen an Journalisten haben sich ausgehend von der Digitalisierung, Konzentrationen und Marktverschiebungen gewandelt. Und wir stehen erst am Anfang dieses Prozesses, der von manchen gern als „Revolution“ und „Gutenberg 2.0“ umschrieben wird. Umso wichtiger wird lebenslanges Lernen. Ich selbst habe mein Journalistik-Studium 2006 abgeschlossen. Ein tolles Studium, das mich Handwerk, wissenschaftliches Arbeiten, Reflexion über das eigene Tun und über Medien gelehrt hat. Nur auf die digitalen Anforderungen hat es mich nicht vorbereitet. Der „Werkzeugkasten“ der Nuller-Jahre ist heute nur noch bedingt so einsetzbar, aber ein gutes Rüstzeug zweifelsohne.

Zweitens: Journalistik ist mehr als Journalismus. Es geht um das Verstehen des „Wie“ und „Warums“, den Blick hinter den zweiten Vorhang, um nicht nur das Handwerk bestmöglich umzusetzen, sondern weiterzuentwickeln, Strukturen, Prozesse und Abläufe zu verbessern, die DNA der Medien- und Nutzerlogik zu begreifen und daraus Neues zu entwickeln. Die ersten in den 1970er und 80er Jahren an deutschen Hochschulen etablierten, Journalistik-Studiengänge waren aber auch angetreten, um sich von ideologischem Ballast und einer „Lagerpublizistik“ zu befreien, Qualitätsstandards zu schaffen über die eigenen intramedialen Grenzen hinweg, orientiert an internationalen Standards. Das gilt bis heute.

Drittens: Eine praxisnahe und zugleich wissenschaftlich fundierte Ausbildung ist sinnvoll und machbar. Und trotzdem taucht immer mal wieder die Frage auf, ob Journalismus wissenschaftlichen Ansprüchen standhalten kann. Zugegeben, es gibt bis heute keine eigene Supertheorie. Doch ist dies wirklich ein Manko? Journalistik ist keine hermetisch abgeriegelte Disziplin, sondern muss sich gerade auf Grund unterschiedlicher Funktionen und der Multiperspektivität der Ansätze diverser Subsysteme bedienen, um den Erkenntnisfortschritt voranzutreiben.

Ein Volontariat ist ein etablierter Weg in den Beruf, ein gutes Journalistik-Studium kann dies ebenso leisten – und mehr. Mir standen durch das Studium viele Türen offen, die mich vom klassischen Journalismus bei regionalen und überregionalen Zeitungen und der Nachrichtenagentur dpa in die Public Relations brachten. Nach einer Führungsposition nutzte ich die Chance für den Wechsel in die Wissenschaft – aber auch weiterhin und bis heute mit engem Praxisbezug. Drei „i“ prägen heute meinen Alltag: interdisziplinär, international, interaktiv. Ohne ein Studium wäre dies nicht möglich gewesen.

Doch auch wer zunächst den handwerklichen Weg über das Volo einschlägt, dem ist der Weg an die Hochschule nicht verwehrt. Die Absolventen des berufsbegleitenden Masterstudiengangs New Media Journalism an der Leipzig School of Media sind dafür seit mehr als zehn Jahren beredtes Zeugnis. Aus unterschiedlichen Mediensparten und benachbarten Branchen haben sie das Ziel, die Herausforderungen des Medienwandels anzupacken. Mit dem Wissensgewinn im Gepäck haben sich alle beruflich weiterentwickelt, ihre Nischen gefunden, Geschäftsmodelle entwickelt. Und viele haben auch wieder Lust bekommen auf einen Journalismus, den sie in der Praxis oft vermissten. Dank erfahrener Praktiker und anwendungsorientierter Wissenschaftler als Dozenten sind sie mit einem international anerkannten Masterabschluss einer renommierten Universität reif für die Herausforderungen der Branche – und fit in New Media Journalismus.